Die Bassklarinette

„Beim Anblick dieses großen, ja riesigen Instruments glaubten die meisten Hörer, dass sie harte und raue Töne zu hören bekommen würden; stattdessen hörten sie schöne, volle, stark und weich klingende Töne…“
(François Fetis, 1832, Musikkritiker)

Die Bassklarinette

Schon seit ihrer Entstehungszeit wurde die Bassklarinette wegen ihrer Tonschönheit gelobt und geliebt. Eine frühe Bassklarinettenform erhielt sogar den Namen „Glicibarifono“, der Süß-Tieftöner (s. Abbildung a). Die Musikwelt war sich einig, dass die noch junge Familie der Klarinetten auch ein Bass-Instrument brauchte. Doch es dauerte Jahrzehnte, bis die Bassklarinette nicht nur einfach süß, sondern auch in allen Registern ausgeglichen klang; bis sie zuverlässig intonierte und über eine angemessene Wendigkeit verfügte. In der Entwicklungsphase der Bassklarinette entstanden die abenteuerlichsten Konstruktionen, wie etwa die serpentinenartig geschlungene Bassklarinette des italienischen Instrumentenbauers N. Papalini (s. Abbildung b). All diese Instrumente kamen aber nicht über das Experimentierstadium hinaus.

   

Der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax – der Erfinder des Saxophons – schuf die bis heute gültige Form der Bassklarinette (s. Abbildung c). Entscheidende Verbesserung war ein von ihm erfundenes neuartiges Klappensystem, welches eine gestreckte Bauweise ermöglichte. Diese neue Bassklarinette, 1838 patentiert, brachte Adolphe Sax den internationalen Durchbruch als Instrumentenbauer, drei Jahre bevor er das nach ihm benannte Saxophon erfand. Und während die französische Instrumentenbauer-Konkurrenz noch versuchte, den berühmten Kollegen aus Belgien in Misskredit zu bringen, ließ der Konzertmeister der Pariser Oper schon 1839 für sein Orchester Bassklarinetten aus der Werkstatt Adolphe Sax anschaffen.

Der Bassklarinette brachte die neue Form den Durchbruch in der Musikgeschichte. Richtungsweisend war 1836 ihr solistischer Einsatz in der Oper „Die Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer. Hector Berlioz empfahl in seinen Memoiren, dieses „überlegene Instrument“ an den Konservatorien zu unterrichten. In seiner Instrumentationslehre schrieb er:

„Nach der Art wie man es schreibt und dem Talent desjenigen, der es spielt, vermag dieses Instrument in den tiefen Regionen den wilden Klang der tiefen Noten der gewöhnlichen Klarinette oder den ruhigen, feierlichen, kirchlichen Accent gewisser Orgelregister zu entlehnen. Es kann demnach häufig und gut verwendet werden. Es gibt ferner, wenn man es in vier- oder fünffacher Besetzung verwendet, den Bässen aus Holzblasinstrumenten einen herrlichen, salbungsvollen Klang.“

Dem Siegeszug der Bassklarinette, insbesondere in der Opernliteratur, stand nun nichts mehr im Wege. Giuseppe Verdi, Franz Liszt, Richard Wagner und Richard Strauss setzten sie gerne und häufig an prägnanter Stelle ein. Klangliche Intensität und virtuose Beweglichkeit waren gleichermaßen gefordert. 1838 stellte die Intendanz der Münchner Oper nach den ersten Probespielen für das neuentwickelte Bassinstrument fest:

„(…), dass allerdings ein so großer Unterschied zwischen diesem Instrumente und der gewöhnlichen Klarinette bestehe, dass kein Klarinettist dasselbe ohne vorhergehende tüchtige Studien und förmliches Einlernen zu behandeln imstande sey.“

Aus der Oper heraus entwickelte sich die Bassklarinette zum eigenständigen Solo-Instrument – auch in der sinfonischen Literatur, in der Kammermusik und im Jazz.
© 2009-2017 by Leonie Gerlach         Foto: Diana Drechsler
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